„Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin?“, frage ich mich. Ich erinnere mich an meine Jugend, dieses unbestimmte Gefühl unbedeutend zu sein. Jede Anstrengung in der Schule führte nicht wirklich zu besseren Noten. Ich wurde gehänselt. Ich stelle mir vor, wenn ich damals auf einer anderen Schule gewesen wäre, ob ich heute vielleicht etwas anderes arbeiten würde. Ich fange an meine Einflüsse aufzuzählen: Mutter, Schule, keine Liebe, falsche Freunde. Ich komme ins Stocken. Ein bitterer Geschmack hat sich in meiner Mundhöhle gebildet. Ich drücke die halb abgebrannte Zigarette aus und stecke mir stattdessen einen Kaugummi in den Mund. Meine „Freunde“ hatten nur eins im Sinn: Mir zu sagen wer ich bin. Mir wird schlagartig klar, dass jeder auf mich einen Einfluss hatte als wäre ich einem großen Speckstein gleich, eine Unförmigkeit, der es eine Gestalt zu geben galt. Von kleinerer, stämmigerer Statur und dazu veranlagt mitmachen zu wollen, hatte ich selten Einwände und fragte lieber nach, wenn es eine Unklarheit gab. Jetzt sitze ich hier, ein fehlgeschlagenes Experiment, das nur noch aus Scharten, Kratzern und bröckeligen Stellen besteht.
Ich betrachte meine Tankanzeige: halbvoll. Das reicht noch. Der Nebel wird dichter, aber ich drossele die Geschwindigkeit nicht. Nachts sind die Straßen frei. Ich nehme Gesichter im Nebel war. Erst schemenhaft, dann immer deutlicher. Ich sehe mir die Gesichter nicht genauer an, weil ich weiß, dass sie nur in meinem Kopf existieren. Erst aus den Augenwinkeln, dann immer mehr und mehr interessiert sehe ich in die Gesichter meines Lebens. Ich kann das Gesicht meiner Mutter erkennen, ihre klagende Stimme trägt mir auf mir gefälligst die Zähne zu putzen. Mein Sportlehrer, der mich immer extra Liegestütze machen lies, da ich im Sport immer der letzte war, blickt mich mit einer Mischung aus Abscheu und Sadismus an. Meine Klassenkameraden, meine Mutter, meine Lehrer, meine Kollegen, alle lachen mich aus, ich kann es durch das spaltbreit offene Fenster hören. Ihr hysterisches Gekreische, ihr Getuschell, wenn ich an ihnen vorbei gefahren war. Ich spucke den Kaugummi wieder aus und lasse ihn, eingewickelt in ein Taschentuch, auf dem Beifahrersitz liegen. Ich zünde mir eine neue Zigarette an. Ich tue das, was ich immer tue, ich ignoriere die anderen.
„ Hey Fetti, komm doch mal rüber, ich glaube du hast hier etwas vergessen!“
„Junge, du kannst doch nicht ständig in der Wohnung sitzen, unten sind doch so viele nette Kinder, die alle mit dir Spielen wollen!“
„Na kleiner, Einsam?“
Wie versteinert sitze ich hinter meinem Lenkrad und fahre einem Fixpunkt hinter der Nebelwand hinterher.
„Hey kleiner Mann. Hast du mal eine Zigarette?“
„Bleib stehen oder ich schneide dir dein Ding ab!“
„Ich schneide dir dein Ding ab!“
Mir bricht der Schweiß aus. Nervös pule ich an einem aufgekratzten Pickel in meinem Gesicht herum.
Ich schließe für eine Sekunde die Augen. Die Straße scheint nun oben zu sein und ich kopfüber zu fahren. Die Gesichter unter mir, die Sterne am Boden.
Ich fange an in mich hinein zu brubbeln.
„Was habe ich falsch gemacht?“
„Lasst mich alle in Ruhe!“
„Ich will leben!“
Ein ohrenbetäubendes Pfeifen setzt ein. Ich fange an zu schreien. Ich habe lange nicht mehr geschrien fällt mir auf. Ich muss weinen, die ersten Tränen bekämpfe ich noch, lasse nicht zu, was ich mein Leben lang nicht zu lassen konnte und halte mir abwechselnd erst das eine, dann das andere Auge zu.
Doch schließlich lasse ich es zu. Eine unbeschreibliche Wärme steigt in mir auf. Die Gesichter sind immer noch da und ziehen erstaunte Fratzen. Von weit her höre ich sie Fragen: „Warum weinst du?“.



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