Sonntag, 25. Februar 2007

Café Sternenstaub

Schon leicht angeglüht betreten wir den kleinen verrauchten Raum des Cafés. Das klingeln einer Türglocke, die man sonst aus Teegeschäften her kennt, kündigt unser Eintreten an. "Von 18:00 Uhr bis mal sehen" steht am Eingang. Unsicher blicken wir ins Innere. Ein schwarzer Hund nimmt uns in Empfang und wird von den Stammgästen zurück an seinen Platz gerufen, einer Ecke neben dem Tresen. Alles ist sehr klein, fasst wie in einer Puppenkneipe. In einem Erker steht ein kleiner Tisch, drumherum sind drei Sessel gruppiert, jeder mit einem Tuch, oder einer Decke behangen. Es sind nicht viele Leute hier, vielleicht 5 oder 6. In einer Ecke sitzen 2 junge Studenten, die sich angeregt über irgendwas unterhalten, was ich aber schon längst nicht mehr zu ordnen kann. Im Hintergrund dudelt leise und beruhigend irgendwas von Dire Straits. Erst mal ein Bier, sagst du.
"Was habt ihr denn da?", frage ich die dünne Frau hinter dem Tresen. Ihre Augen , strahlen eine eigenartige Wärme aus.
"Staro, Budweiser, Radeberger, Flens"
Wir sehen uns an.
"2 Staro."
Erst jetzt bemerken wir die kleine Treppe. Daneben sind 7 oder 8 Klappstühle und vielleicht 3 Tische in einer Nische verstaut. Davor 2 Grünpflanzen. Auf jeder Treppenstufe steht ein kleines Windlicht und auf jedem Tisch steht eine Kerze. An den Wänden hängen rahmenlose Fotografien aus einer anderen Stadt, aber wir wissen nicht um welche es sich handeln könnte.
Wir gehen die Treppe hoch. Blickfang ist die kleine Bühne, mit den staubigen roten Vorhängen. Sie misst gerade mal 2 oder 3 Meter in der Breite und 2 in der Tiefe. Von draußen haben wir Plakate für Konzerte gesehen.Hier oben gibt es noch mal 4 Tische, ein Sofa steht an der Wand. Von einem durchscheinenden Stoff in rot werden die Klotüren verdeckt. Hier wird nach Chromosomen getrennt. "XX" für Damen, "XY" für Männer. Das Männerklo wird schwach rosa beleuchtet, der Spiegel ist mit Goldpappmascheé umrahmt.
Wir fangen an zu reden, du und ich. Über uns, über die anderen und über die Welt im Allgemeinen. Der erste Bier ist schnell runtergespült und der Aschenbecher bereits halb voll.
Die Zeit vergeht hier anders. Du siehst auf die Uhr "Halb Eins. Trinken wir noch einen?"
Einen noch dann ist Schluss. Und dabei gibt es auf einmal noch so viel zu bereden. Unten hat sich eine spitze Diskussion über die Bayrische Nationalhymne zwischen 2 Stammgästen entfaltet. Entspannt lehnen sie am hölzernen Tresen. Einer der beiden ist mit einem auffäligen dunklen Hemd bekleidet. Ein weißer Schal lugt aus dem 2 Knöpfe geöffneten Hemd heraus. Er trinkt Rotwein. Seine Haare sind dünn.
"Mein Lieber Freund hier irrst du! Dass die Nationalhymne der Bayern, wie die deutsche klingt, ist ganz gewiss nicht der Fall!"
Sein Gesprächspartner ist ein vollbärtiger Brillenträger. Ganz offensichtlich hören die Augen dieses Mannes gerade einen gut erzählten Witz.
"Silvio, wenn du dir deiner Sache so sicher bist, dann lass uns doch darum wetten!".
Ich bestelle mir 2 weitere Staro und gehe wieder an unseren Tisch im oberen Berreich. Schließlich musst du los. Du hast es weiter als ich. Ich genehmige mir als Absacker noch einen Weinbrandt. An der Bar stehen inzwischen 3 Gäste. Sie und die BArkeeperin, reden über die im Untergehen begriffene Kultur des Prenzlauer Bergs.
"Und was meinst du dazu?", fragt mich der dritte im Bunde. Man hört seinen Akzent. Sein Haare kräuseln sich in kleinen Locken neben ihm steht eine Gitarrentasche. Um seinen Mund spielt ein angedeutetes Lächeln.
"Ich weiß nicht", sage ich unsicher.
"Du musst doch eine Meinung haben!", fällt ein anderer ein.
Schließlich sage ich irgendwas optimistisches, in die Richtung: "...normaler Verlauf...wird alles wieder besser..."
Auf ein mal bin ich in das Gespräch integriert, als wäre ich nicht irgendein Fremder. Man fühlt sich wohl und die Wärme, die die Menschen ausstrahlen fühlt sich gut an. Wärend wir reden schweife ich manchmal davon. Ich fange die Dinge aus dieser Puppenperspektive zu betrachten, nur einmal nicht das Ganze sehen müssen. Klein sein zu dürfen, an diesem Ort.
Es wird spät an diesem Abend und erst gegen 3 Uhr wird die Kneipe geschlossen. Freundlich verabschieden wir uns von einander.
"Gute Nacht", sage ich, kaum gewahr, in welche Richtung meine Wohnung liegt. Mir ist nicht kalt, obwohl es Winter ist.

Exiting_Dark

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

y... der Silvio hatte Recht, es gibt eine eigene Melodie zur Bayerischen Hymne; früher war es die normale Haydn-Melodie;
süßer Artikel, das -
der vollbärtige Brillenträger