Es gibt genau zwei Arten von Busfahrern in Berlin: Die Stillen und die Schnauzen. Zweitere sind eher selten der Fall. Durch die Servicemaßnahmen seitens der BVG bezüglich Kundenfreundlichkeit, wird ein weiterer Charackterberuf platt gemacht. Glatte Chauffeure ersetzen die liebgewonnen Meckerer. Gestern hatte ich das immer seltener werdende Glück einem der aussterbenden Schnauzenbusfahrer bei der Arbeit zu zusehen. Hier also mein Protokoll einer durchaus unterhaltsamen Busfahrt:
Der Busfahrer selbst ist ein unrasierter Endvierziger von kleinerem, korpulenterem Körperbau. Sein Kinn scheint stark zu jucken, jedenfalls kratzt er sich dort sehr ausgiebig. Seine Augen sind sehr klein und hinter der runden Brille, wirken sie wie abgeschottet; als ob sie in eine fremde Welt blicken würden. Als er den Bus besteigt dauert es bestimmt an die 10 Minuten, ehe sich sein Sitz in der richtigen Position befindet und sich das Lenkrad im korrekten Busfahrerwinkel (othogonal zum Bauch stehend) befindet. Der Spiegel wird neu justiert und diese ganze Konfiguration findet nicht ohne gelegentliches Gebrummel seinerseits statt. Alles muss schließlich an seinem Platz sein. Ich rechne schon nicht mehr damit, aber irgendwann setzt er sich dann doch noch in seinen Fahrersessel und wir fahren los.
Es ist ein schmuddeliger Nachmittag, grau in grau hängen die Wolken wie Schleier über den Häusern. Autos beeilen sich in ihre Garagen zu kommen, Autofahrer freuen sich auf das Abendessen. Unser Busfahrer, löst bei der Fahrt sein Lenkrad um es neu einzustellen. Wie selbstverständlich fährt er 20 oder 30 Meter ohne die Gewalt über den Bus zu haben und bekommt nur mit Mühe den Hebel zum Befestigen des Lenkrades umgelegt, ohne dabei gegen eines der zahlreichen Autos, oder gegen einen Baum zu fahren. An der ersten Haltestelle steigt eine ältere Frau zu und möchte eine Fahrkarte kaufen.
"Einmal A-B bitte", höre ich sie sagen.
Ich sitze seitlich schräg hinter dem Busfahrer, etwa 3 Meter von der Tür entfernt, durch die die Frau den Bus bestiegen hat. Sie legt ihm das Geld hin. Nichts passiert. Die Frau wartet, der Busfahrer kratzt sich am Kinn. Nach einer Weile dreht er sich schließlich zu ihr um und sagt:
"Wat willste denn?!".
Ein wenig konsterniert von der Wärme dieser Worte blickt sie ihn aus ihrem Pfannkuchengesicht an. Ehrliches Erstaunen liegt in ihrem offenen Mund und formt ein großes, rundes "O".
"Ein mal A-B bitte, habe ich doch gesagt"
"Ach so, macht dann zwo zehn!".
Er tippt das Gewünschte in den Automaten und schiebt wortlos das Geld in die Kassette. Durch ein abruptes Anfahrmanöver wird die Frau in den hinteren Bereich des Busses katapultiert. Im Spiegel sehe ich ein Lächeln über sein Gesicht huschen.
Wichtig für einen Busfahrer ist auch eine rumpelnde Fahrweise. Was ein echter Busfahrer ist, hält nicht viel von sanftem Beschleunigen oder degressivem Bremsen.
Auf der anderen Seite fährt ein guter Busfahrer selbst auf der freisten Strecke niemals schneller als 45 km/h, schließlich gibt es ja einen Ruf zu verlieren.
"Mit einem solchen Busfahrer wären wir bei "Speed" schon x-mal explodiert", denke ich mir.
Kurz bevor wir an der nächsten Haltestelle stehen bleiben, fährt ein Auto auf die Busspur, setzt jemanden ab und fährt dann über die durchgezogene Linie zurück auf die normale Spur. Der Abgesetzte steigt ein. Freundlich und erleichtert, den Bus noch bekommen zu haben, zeigt er seine Monatskarte.
"Junger Mann, sagen se bitte nächstes mal ihrem Kollegen, dass dit verboten is. Wenn die grüne Minner anjerückt wäre, wär der Führerschein weg!"
Der Mann sagt "Ok..." und kann sich ein Lächeln nicht ganz verkneifen.
Das ist natürlich Zucker für den Affen.
"Ick kann ihnen dit nur erzählen! Dit is hier ne Busspur und dit da ne durchjezogene Linie!"
"Ja ist in Ordnung ich sage es ihm.", versucht sich der Mann zu befreien.
"Mir is dit egal! Ick wollte ihnen dit nur sagen ick kenne dit aus die eigene Erfahrung, mit dit Pack!"
"Ich sage es ihm - ganz bestimmt.", versucht sich der Mann händeringend zu befreien.
"Durchjezogene Linie und Busspur, da können se sich wat aussuchen..."
Schließlich lässt der Busfahrer den Mann gehen.
Und wir fahren weiter. Am Zoo steige ich aus. Und mit der S-Bahn geht's nach Hause.
"Ich liebe Busfahren!", denke ich die restliche Rückfahrt.
ryaku
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